Die Schuld des Soldaten

Keine Befehlskette kann sie nehmen

​Der Stachel des Lebens

​„Schicksalsschläge lassen sich ertragen – sie kommen von außen, sind zufällig. Aber durch eigene Schuld leiden – das ist der Stachel des Lebens.​“ - Oscar Wilde

​Soldaten ​sind gezeichnet von Krieg und Leid und kommen häufig als gebrochene Menschen ​heim. Doch sie hatten die Wahl. Denn wenn jeder Soldat auf sein Herz hören und seine Waffe niederlegen würde, statt sie in Angriffskriegen auf andere zu richten, könnte man anfangen von Frieden zu sprechen. Es klingt wie eine heile Welt Fantas​ie von gesunder Naivität durchtränkt.

​„Ohne Soldaten wäre kein Krieg möglich.​“

Es ist nur über eine revolutionierte, militärische Grundausbildung möglich, bei der dem Soldaten, aber auch dem Polizeianwärter, antrainiert wird, Befehle kritisch zu hinterfragen. Stattdessen wird jedem Rekruten und Kadetten das eigenständige Denken abtrainiert und sie werden mit Patriotismus und Fehlinformationen indoktriniert. Soldaten werden auf ein Leben nach Befehl und Gehorsam ausgebildet, zu ferngesteuerten Marionetten. Karriere machen bedeutet Befehle des Ranghöheren zu befolgen. Nicht ohne Grund sind Hitlers oder Napoleons Soldaten im erbittertsten Winter blind nach Russland marschiert und wie die Fliegen gestorben, Amerikaner nach Vietnam oder Irak, Briten nach Indien oder Libyen.

Keine Nation ist ohne Schuld. Soldaten haben seit Menschengedenken während des Krieges ihre schlimmste Seite gezeigt. Sie haben unschuldige Menschen hingerichtet, vergewaltigt und getötet. Ich erinnere an Massaker im Namen Gottes, an Indianern, in Kolonialkriegen, in ​deutschen Konzentrationslagern und speziell an das My Lai Massaker während des Vietnamkriegs, das nur eines von vielen war.

Kadett kommt ​vom lateinischen Wort „capitellum“ und bedeutet „kleiner Kopf“.

My Lai, Vietnam, 16. März 1968

Ihr seid nicht vergessen

​Es ​sind nur Buchstaben auf Papier, die ich ​über die Schrecken lese, die amerikanische Soldaten unschuldigen Frauen, Greisen und Kindern angetan haben, als sie sie wie in einem Schlachthaus ermordeten, und ich habe Tränen in den Augen​. ​Ein gesamtes Dorf wurde ausgelöscht und 504 Leben​ genommen. Es stellte sich als Regel und nicht als Ausnahme des Vietnamkriegs heraus, unter Millionen zivilen Toten. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie viel Leid diese Menschen ertragen mussten. Es sind nur Buchstaben, die 50 Jahre nach dieser Tat noch mit blutigem Stift geschrieben werden müssen, einer Geschichte, die wir niemals vergessen dürfen. Sie muss uns daran erinnern Tag für Tag, das wir sie nicht wiederholen dürfen und doch tun wir es.

Dieses Massaker ließ ​kaum einen unschuldigen Augenzeugen zurück. ​Einer von ihnen war ein kleiner Junge, Phan Tanh Cong, der stundenlang neben seiner toten Mutter und seinen zwei toten Schwestern in einem eingestürzten Erdbunker ausharren musste​, bis man ihn fand. ​„15 Frauen haben sie auf die Felder vor dem Dorf gezerrt und sie vergewaltigt. Bestimmt ein Dutzend Männer ist über sie hergefallen. Ich höre noch heute die Schreie. Dann haben sie die auch getötet. Einer schwangeren Frau haben sie mit dem Bajonett den Bauch aufgeschlitzt.​“ (NDR - 50 Jahre nach dem Massaker in Vietnam von Holger Senzel).

Phan Tanh Cong war alleine, weil ihm die Kompanie C, 1st Battalion, 20th Infantry of the 11th Brigade Americal Division, jeden, den er liebte, genommen hatte. Ihr Kompaniechef Hauptmann Ernest Medina hatte sie vor der Tat mit den Worten eingestimmt:

„Wenn es ein Haus ist, zündet es an; wenn es ein Brunnen ist, vergiftet ihn; wenn es lebt, tötet es.“

​​​Images by Ronald L. Haeberle

Helden haben die Wahl

Jeder von ihnen, jeder dieser Soldaten hätte es verhindert können, doch sie taten es nicht. Sie mordeten und vergewaltigten, bis der 23-jährige Hubschrauberpilot Hugh Thompson mit seiner Crew nach einem Erkundungsflug zwischen ihnen landete und seine Bordschützen am MG anwies auf die angriffsbereiten Soldaten zu zielen. Er verständigte Verstärkung und rettete auf diese Weise ein dutzend Zivilisten. Er war ein Held und doch hat er sich nie so gefühlt. Er hatte keine Wahl, sagte Thompson, bei dem was er sah. In der Armee wurde er von da an geächtet, Soldaten verließen den Raum, wenn er ihn betrat. Alpträume und Depressionen nahm er mit. „Das ist das Leben und es geht weiter.“ Doch er konnte seinen Kameraden bis zum Ende seines Lebens nicht vergeben. „Ich kann es nicht. Ich denke, dass ich nicht Manns genug bin, denn ich kenne den Schmerz und das Leid, dass sie ohne Grund verursacht haben.“

Die Soldaten beriefen sich anschließend auf Befehle und versteckten sich in einer Gruppe. Die amerikanische Regierung versuchte es mit Lügen zu vertuschen und verurteilte letztlich nicht einen dieser Kriegsverbrecher. Zwar wurde Oberleutnant William L. Calley, das kleinste Rad in der Befehlskette, zu lebenslanger Haft verurteilt, die allerdings von Präsident Nixon in Hausarrest umgewandelt wurde, bevor ihn Nixon drei Jahre später komplett begnadigte. Das Schlimmste an dieser Geschichte neben der Tat selbst, war die brutale Realität, die sie preisgab, einer von Macht korrumpierten Politik und einer ignoranten Gesellschaft. Denn die Hälfte des amerikanischen Volkes stand geschlossen hinter ihren Soldaten und sah in diesen Männern Helden, die ihr Land verteidigt haben, gegen 500 unbewaffnete Bauern, Frauen und Kinder. Sie waren im selben Nebel eines falsch verstandenen Patriotismus eingehüllt wie die Soldaten und machten sich mit ihrer Reaktion mitschuldig.

Diese Soldaten haben verdeutlicht:

  • wie sich Menschen in einem falschen Gefühl von Zugehörigkeit verlieren
  • wie gefährlich Gruppedynamiken sind
  • wie aus normalen Menschen Mörder werden können

​Man erlebt es allerdings nicht nur bei Soldaten. Fußball-Krawalle und ausufernde Proteste bezeugen es. Die Schwäche eines einzelnen Menschen zeigt sich versteckt in einer Gruppe.

Doch am Ende des Tages geht jeder einzelne von ihnen alleine nach Hause und ist mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen konfrontiert. Er wird die Bilder seiner Taten mit sich tragen, wie einen Stachel, der in seiner Brust steckt.

Die Körper der Frauen werden zum Schlachtfeld

Hunterttausende Frauen werden jedes Jahr in Kriegsgebieten vergewaltigt. ​Gewalt gilt gar taktisches Mittel der Kriegsführung, um den Gegner zu demütigen und moralisch zu unterwerfen, von Bosnien bis Korea. Im Kongo werden jede Stunde durchschnittlich 48 Frauen von bis zu 20 Männern missbraucht, selbst mit Gewehrläufen und Stöcken. Mehr dazu unter 3sat.de: Vergewaltigung als Waffe​.

„Jeder Einzelne, der schweigt, macht sich mitschuldig.“

Doch es sind nicht nur Rebellen, die diese Taten verüben. Soldaten und Politiker, die sich offiziell auf Friedensmission befinden, machen sich schuldig. In der zentralafrikanischen Republik vergewaltigten französische Soldaten Kinder und blieben straffrei. Sie schenkten kleinen Jungs Nahrung für ​sexuelle Gefälligkeiten oder nahmen junge Frauen für Gruppensex ins Panzerfahrzeug. Drei Soldaten bezahlten einem Mädchen umgerechnet sieben Euro fürs Penetrieren. Nach einer Beschwerde ihres Bruders bei der Militärbasis, wurden nicht die Soldaten, sondern er und seine Schwester von der Polizei eingesperrt, da die französischen Soldaten Immunität genossen. (Quelle)

Am Ende litten nur die Kinder und die Zivilbevölkerung unter dem Missbrauch, der eine Gesellschaft auseinanderreißen kann. Die Eltern der Kinder verstießen sie, weil sie Schande über ihre Familie gebracht haben, und die Kinder landeten auf der Straße oder in einem Heim von einem katholischen Hilfswerk. Selbst wenn man die Täter überführte, gestützt durch Untersuchungen von Ärzte ohne Grenzen und Unicef, wurden die Verfahren eingestellt, da die Beweislage zugunsten der Soldaten ausgelegt wurde.

Sexueller Missbrauch im Militär

Wenn die eigenen Kameraden zu Tätern werden, sind die Türen meistens geschlossen. Die Schreie und das Leid verlieren sich, umgeben von hunderten Soldaten, die nicht wegsehen dürfen. Die betroffenen Frauen bleiben im Gefühl der Hilflosigkeit zurück, ein Ansprechpartner fehlt, besonders wenn ein ranghöherer Soldat involviert ist. Denn sie haben miterlebt, was mit Frauen geschehen ist, die Vergewaltigung und Belästigung gemeldet haben. Nichts. Es wird verschwiegen, wenn die Meinung nicht unterdrückt wird. Dabei belastet sexueller Missbrauch Soldatinnen stärker als ein Kriegseinsatz, denn auf den Einsatz waren sie vorbereitet. Ihr Suizidrisiko ist 250 % höher als das der weiblichen Zivilbevölkerung.

„Menschen, die vor der Verfassung und vor Gott geschworen haben, uns zu beschützen, werden zu Tätern, vor denen wir uns nicht schützen können.“

Doch das Militär ist nach wie vor eine Männerdomäne, wodurch die Problematik verschärft wird. Kommt es zum Missbrauch werden die Täter von der Truppe geschützt. Verurteilungen der Täter laufen meistens nicht auf zivilrechtlicher Basis, sondern in einem internen Verfahren, das den Soldaten häufig nur einer neuen Einheit zuweist. Es erinnert an den Umgang der katholischen Kirche mit Pädophilen, die in eine neue Gemeinde versetzt wurden, um dort weiter munter kleine Jungs zu vergewaltigen.

Der Umgang mit Missbrauch im Militär lässt nur den Schluss zu, das die militärische Führungsriege aus einer Vielzahl Chauvinisten ​​besteht, andernfalls würden sie bei diesen Problemen stärker handeln.

„Der Schein der Institution ist wichtiger, als das Leid der Opfer.“

Ansätze, die etwas verändern würden

  • ​Wir beenden das Geschäft mit dem Krieg und ​hören auf Waffenexporte zu genehmigen.
  • Wir nehmen Soldaten ihre Immunität. Jeder einzelne Soldat auf jeder hierarchischen Stufe sollte persönlich für seine Taten haftbar gemacht werden, ohne Möglichkeit auf die Befehlskette zu verweisen. Diese Regel sollte vom ​Oberbefehlshaber bis hin zum einfachsten Soldaten gelten, und selbst ​für Politiker angewendet werden.
  • Bereits in der Schule müssten wir neben Mathematik und Deutsch, Kommunikation und ​kritisches und reflektiertes Denken lernen, das uns zu selbstständigen und vernunftsfähigen Menschen ​machte. Die Veränderung beginnt nicht in mehr Disziplin, sondern in weniger Konformität. Wir ​werden eines Tages verstehen, das ​wir nur als eigenständiges Individuum, das stark genug ist ohne Gruppe dazustehen, fähig sind eine liebevolle Gesellschaft zu bilden.
  • Wir müssen uns von falschen Rollenbildern befreien.

Statt Ehre sollten wir Respekt besitzen.
Statt Tapferkeit brauchen wir Mut uns zu widersetzen.
Statt Neid Anerkennung.

​Wir leben in einer wundervollen Welt mit wundervollen Menschen, um die wir uns kümmern sollten. Nicht mit Waffen oder Panzern, sondern mit dem innigen Gefühl, das wir verbunden sind, nicht über die Nation, Hautfarbe oder Religion, sondern über etwas, das für uns noch ​unbegreiflich ist. Wir werden es möglicherweise eines Tages verstehen, mag es in der Stunde unseres Todes sein oder in der Geburt eines neuen Lebens. Wir werden verstehen, dass wir uns helfen, wenn wir ihnen helfen​.

Hooligans - Zwei Fliegen mit einer Klappe

​Wenn alle Beteiligten damit einverstanden sind, sich die Köpfe einzuschlagen, sollte man sie auf einem Feld abseits der Zivilisation, wo sie keine Unbeteiligten verletzen oder beeinträchtigen können, gewähren lassen. Ihre Krankenhauskosten sollten sie allerdings selbst tragen und nicht die Allgemeinheit durch die Versicherung.

Oder noch besser in einer Arena mit Fernsehübertragung als „UFC GLADIATOR“ und die Einnahmen gehen an Friedensprojekte. Das noch keiner diese Idee umgesetzt hat.

„Hooligans sind wie Kindersoldaten.“

  1. Warum ist es vertretbar, wenn sich Menschen auf Befehle hin umbringen, aber nicht nach Absprache in einem Kampf?
  2. Warum darf man nicht die Entscheidung über sein Leben tragen und wie in der Schweiz auf Wunsch hin sterben, aber in einen Krieg ziehen, töten und getötet werden?

Nennt mir einen Krieg, in denen es um Menschenleben ging. Bei jedem Krieg und jedem Angriff müssen wir uns Fragen, wer ein wirtschaftliches oder politisches Interesse hat, ob es wie im Irak um Öl oder ​wie in Afghanistan um Seltene Erde geht. Denn dann können wir ihre Lügen durchschauen und uns gegen sie erheben.

​Steh​t mir bei. Wir müssen die Stimme des Friedens sein.

Frage: Warum schauen Politiker nur tatenlos zu und genehmigen Waffenverkäufe, ​statt weltweit Waffenexporte zu verbieten, die den Rüstungskonzernen gewaltige Gewinneinbußen bringen würden?

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